EU-Türkei-Deal untergräbt Rechte von Flüchtlingen

Abkommen setzt schutzbedürftige Menschen inakzeptablen Lebensbedingungen aus, kritisieren IRC, NRC und Oxfam in gemeinsamem Bericht

Berlin, 17. März 2017 – Der EU-Türkei-Deal hat Griechenland zu einem Testfeld für Maßnahmen gemacht, die die Rechte von Flüchtlingen und Asylbewerbern untergraben und Menschen unnötigen Risiken sowie Missbrauch aussetzen. Davor warnen Oxfam, das International Rescue Committee (IRC) und der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC). Die Hilfsorganisationen zeigen in einem gemeinsamen Bericht auf, dass die vor einem Jahr in Kraft getretene Vereinbarung immenses menschliches Leid verursacht. Sie fordern, diese Praxis dürfe nicht als Vorlage für weitere Abkommen mit anderen Ländern dienen.

Für den Bericht „The Greek Laboratory: Testing out Policies that erode Refugee Protection“ wurden auf den griechischen Inseln unter anderem Rechtsanwälte und Asylbewerber befragt. Die Ergebnisse sind alarmierend: Schutzbedürftige Menschen sind inakzeptablen Lebensbedingungen ausgesetzt und können ihr Recht auf ein faires Asylverfahren nicht wahrnehmen.

Das Recht von Flüchtlingen auf individuelle Prüfung ihres Asylantrages ist zwingend, um sie davor zu schützen, in Gefahrenzonen zurückgeschickt zu werden. Doch im Rahmen der Vereinbarung zwischen EU und Türkei gilt das vorrangige Interesse der Frage, ob die Geflüchteten von den griechischen Inseln in die Türkei zurückgeschickt werden können oder nicht. In dem entsprechenden Zulassungsverfahren wird nicht untersucht, aus welchen individuellen Gründen die Betroffenen geflohen sind.

Der Bericht weist zudem auf gravierende Mängel bei der Rechtsberatung und rechtlichen Vertretung von Flüchtlingen hin. Asylbewerberinnen und Asylbewerber sind gezwungen, ohne rechtlichen Beistand einen langwierigen und komplizierten Prozess zu durchlaufen. Erschwerend kommt hinzu, dass erhebliche Zweifel an der Kompetenz der Fachkräfte bestehen, die vom Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO) eingesetzt werden, um die griechischen Behörden zu entlasten, und entsprechend an der Qualität der durchgeführten Interviews.

„Der EU-Türkei-Deal ist ein Roulette-Spiel mit den Leben besonders schutzbedürftiger Menschen. Ein aussichtsloses Unterfangen für diejenigen, die am dringendsten Schutz und Aufnahme in Europa benötigen“, erklärt Panos Navrozidis, IRC-Landesdirektor in Griechenland.

„In der Folge des EU-Türkei-Deals werden grundlegende Menschenrechte mit Füßen getreten. Europa hat einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. Wir befürchten, dass andere Länder diesem schlechten Beispiel folgen und ihre Verantwortung, für internationalen Schutz zu sorgen, ebenfalls abwälzen“, erklärt Nicola Bay, Oxfam-Landesdirektorin in Griechenland.

Am 20. März 2017 jährt sich das Inkrafttreten der Vereinbarung zwischen der Europäischen Union und der Türkei, die es den europäischen Staaten erlaubt, Flüchtlinge aus Griechenland in die Türkei zurückzuschieben und so ihre Verantwortung gegenüber Menschen, die in Europa Schutz suchen, auf die Türkei abzuwälzen.

Hintergrundinformationen:

• Der Bericht „The Greek Laboratory: Testing out Policies that erode Refugee Protection“ steht unter folgendem Link (mit Sperrfrist 17.3.2017) zum Download bereit: https://oxfam.box.com/s/8odakwtemqkc05nbgb3lhr5h8noxluco
• Der EU-Türkei-Deal wurde am 18. März 2016 veröffentlicht und trat am 20. März 20169 in Kraft.
• Ziel des Abkommens war, die Schleusung von Flüchtlingen von der türkischen Küste auf die griechischen Insel zu unterbinden.
• Ein wesentliches Element des Abkommens ist eine Zulässigkeitsprüfung für alle Personen, die nach dem Stichtag 20. März auf den griechischen Inseln ankommen. Wird der Asylantrag als unbegründet oder unzulässig abgelehnt, werden die Asylsuchenden in die Türkei abgeschoben.
• Im Februar haben IRC, NRC und Oxfam eine gemeinsame Erkundungsmission vor Ort organisiert, um die Auswirkungen des Abkommens zu überprüfen. Besucht wurden die Inseln Chios, Lesbos und Samos, und es wurden Asylsuchende, Rechtsanwälte und andere Personen befragt, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind.

Pressekontakt:

Oxfam: Steffen Küßner, 0177-8809977, skuessner@oxfam.de

IRC: Ralph Achenbach, 0176-57716726, ralph.achenbach@rescue.org

Oxfam Deutschland e.V.
Am Köllnischen Park 1
10179 Berlin
Deutschland




Neue SÜDWIND-Fact-Sheets zu „Migration, Flucht und Entwicklung“ erschienen

Pressemitteilung

Bonn, 17.05.2016: 2015 war ein Jahr, in dem man in Deutschland den Eindruck bekommen konnte, alle MigrantInnen und Flüchtlinge weltweit – oder zumindest aus der näheren Umgebung Europas – wollten nach Deutschland. Überhaupt schien die ganze Welt in Bewegung geraten zu sein. Auf die Politik der offenen Grenzen der deutschen Regierung seit August 2015 folgte zunehmend ein Angst- und Sicherheitsdiskurs, der sich mit Beginn des Jahres 2016 zuspitzte. Politik, Behörden und Polizei wirkten oft überfordert. Ausländerfeindliche Parolen werden lauter artikuliert.

SÜDWIND knüpft mit den vier Fact-Sheets an die ‚näher gerückten‘ Migrations- und Fluchtbewegungen an und weist auf die vielfältigen Aspekte der Migrationsproblematik hin: Greift das erste Fact-Sheet die gängige Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Flüchtlingen auf und bettet sie in Mythen und Fakten zu Migration und Flucht ein, liefert das zweite Fact-Sheet einige grundlegende Information zu globalen Migrationsbewegungen und erläutert diese in Anknüpfung an den Migrationsforscher Joachim Oltmer als ein „zentrales Element der Anpassung des Menschen an Umweltbedingungen und gesellschaftliche Herausforderungen“.

Die beiden anderen Fact-Sheets widmen sich spezielleren, aber nicht weniger aktuellen Aspekten der Migrations- und Fluchtthematik: Unter dem Titel „Hilfe auf dem Weg“ berichtet ein freiwilliger Helfer von der Situation der Flüchtlinge auf der Balkanroute und reflektiert zugleich die unverzichtbare Rolle der HelferInnen, ohne die die Lage der Flüchtlinge noch verzweifelter wäre. Dass nicht alle Flüchtlinge nach Europa wollen, macht auch das vierte Fact-Sheet deutlich. Es bündelt unter dem Titel „Arbeit ohne Papiere“ die verfügbaren Informationen zur Beschäftigung syrischer Flüchtlinge in der türkischen Textilindustrie. Zu welchen Bedingungen arbeiten sie? Wie reagieren die (europäischen) AuftraggeberInnen auf deren Situation?

Die vier Fact-Sheets sind die ersten Publikationen, die im Rahmen des neuen SÜDWIND-Projekts „Migration, Flucht und Entwicklung“ erscheinen. Weitere vier Studien, drei Fact-Sheets sowie monatliche Blogbeiträge werden bis Ende 2018 veröffentlicht werden.

Das Projekt wird aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, durch Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst, durch den Evangelischen Kirchenverband Köln und Region sowie die Evangelische Kirche im Rheinland gefördert.
Gefördert durch image002.jpg

Die Fact-Sheets können über www.suedwind-institut.de/publikationen/2016/ bestellt werden und stehen ab sofort zum Download bereit:
„Guter Flüchtling“ – „schlechter Flüchtling“. Mythen und Fakten zu Migration und Flucht
Migration global
Hilfe auf dem Weg. Die Balkanroute und der Einsatz freiwilliger HelferInnen
Arbeit ohne Papiere. Syrische Flüchtlinge in der türkischen Textilindustrie

Kontakt: Dr. Sabine Ferenschild, Telefon: 0228- 763698-16, E-Mail: ferenschild@suedwind-institut.de

Sandra Grigentin-Krämer

Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising /
Public Relations and Fundraising
SÜDWIND e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene
Kaiserstraße 201
53113 Bonn

Tel.: +49 (0)228-763698-14
Fax: +49 (0)228-763698-22

E-Mail: grigentin-kraemer@suedwind-institut.de
Website: www.suedwind-institut.de




RESET Spezial: Flüchtlingshilfe 2.0 – Wie kann Flüchtlingshilfe im digitalen Zeitalter aussehen?

Berlin, 7. April 2015. Laut Schätzungen des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) sind aktuell 51 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. So viele waren es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Sie sind Flüchtlinge, Asylsuchende oder Binnenvertriebene. RESET.org veröffentlicht vom 7. bis 14. April das Spezial „Flüchtlingshilfe 2.0 – Wie kann Flüchtlingshilfe im digitalen Zeitalter aussehen?“ und stellt jeden Tag Projekte vor, die digitale Tools für die Flüchtlingsarbeit nutzen.

Foto CC Lizenz BY-SA 2.0, Quelle: http://bit.ly/1Gh768B
Foto CC Lizenz BY-SA 2.0, Quelle: International Committee of Red Cross

 

 

RESET hat für das Spezial „Flüchtlingshilfe 2.0“ z.B. mit Katharina Kestler und Lisa Groß, zwei Aktivistinnen des Watch The Med Alarmphones gesprochen. Sie erzählen, wie das Alarmphone in Seenot geratenen Flüchtlingen hilft. Der Artikel „Finde deinen Nächsten: Refunite bringt Flüchtlingsfamilien wieder zusammen“ zeigt, wie über einen Online-Service Flüchtlinge ihre Angehörigen und Freunde wiederfinden. In „Multimedia trifft Mulitkulti“ stellt RESET die App Gherbtna vor, die syrische Flüchtlinge in der Türkei unterstützt, an Informationen zu gelangen.

„Die Zahl der Flüchtlinge weltweit steigt rasant. Für diese Flüchtlingsströme müssen schnell umfassende Lösungen gefunden werden,“ sagt RESET-Gründerin Uta Mühleis. „Mit unserem RESET-Spezial stellen wir innovative Projekte vor, die im Kleinen mit digitalen Tools die Flüchtlingsarbeit unterstützen. Wir haben uns dabei ganz bewusst für Projekte entschieden, die einen positiven Wandel vorantreiben.“

Mehr Infos zum Spezial: http://reset.org/blog/reset-spezial-fluechtlingshilfe-20-%E2%80%93-wie-kann-fluechtlingshilfe-im-digitalen-zeitalter-aussehen

Alle Artikel sind unter http://reset.org/tags/fluechtlingshilfe-20 zu finden.

Laura Holzäpfel
RESET Redaktionsleitung
laura@reset.org

Über RESET: Die Internet-Plattform RESET.org ist die aktuellste und umfassendste Informations- und Aktionsplattform für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit im deutschsprachigen Raum. RESET informiert täglich über innovative Lösungen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung, vermittelt Hintergrundwissen und unterstützt Projekte, die mit neuen Technologien einen positiven Wandel vorantreiben.  Für diesen Beitrag wurde die 2007 ins Leben gerufene gemeinnützige Stiftungsgesellschaft RESET bereits drei Mal in Folge von der UNESCO sowie von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet.