Eurythmie mit Feuerwehrleuten Notfallpädagogischer Einsatz in Ecuador

 
 
 

Karlsruhe, 03. Juni 2016

Die Erde bebt in Ecuador – immer wieder seit dem 16.04.2016 wird das Land aufs Neue erschüttert. Die Menschen sind sichtbar gezeichnet, die vielen Nachbeben versetzen sie abermals in Angst und Schrecken. Das notfallpädagogische Interventionsteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. half vor allem den Kindern und Jugendlichen neuen Halt, Orientierung und Sicherheit zu finden. In Zusammenarbeit mit den Stadtverwaltungen, der deutschen Honorarkonsulin und mehrerer Schulen wurden in Seminaren zudem lokale Hilfskräfte und Pädagogen geschult, um den Betroffenen auch nach der Abreise des Teams helfen zu können.

Zu den wichtigsten Aufgaben notfallpädagogischer Krisenintervention gehört es, neben der direkten Akutversorgung von Kindern, auch Pädagogen und Helfer über die Entstehung, den Verlauf und die möglichen Folgen einer Psychotraumatisierung zu informieren und notfallpädagogische Methoden für den Umgang mit traumatischem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen aufzuzeigen.
Insgesamt nahmen ca. 500 Lehrer, Pädagogen und Hilfskräfte an den Seminaren in Bahía de Caraquez, Guayaquil, San Vicente und Pedernales teil.

Besonders bei diesem Einsatz war, dass das notfallpädagogische erstmalig hauptsächlich aus lokalen Mitarbeitern bestand. Acht der zwölf Teammitglieder leben und arbeiten in Brasilien, Argentinien, Kolumbien und Chile. Hier zeigt sich, wie wichtig und hilfreich ein funktionierendes Netzwerk vor Ort ist. Der Einsatz funktionierte nicht zuletzt aufgrund der Professionalität und Verlässlichkeit der südamerikanischen Kollegen so reibungslos und gut.

In der ersten Woche ist das Team in Bahía de Caraquez tätig. Ein Großteil der Gebäude hier ist zerstört, die so wichtige Tourismusbranche liegt völlig brach, zum Teil gleicht die Stadt einer Geisterstadt. Bereits in ersten Gesprächen mit den Lehrern wird deutlich, was die Menschen dort erleben mussten. Direkt vor ihren Augen wurden Familienmitglieder verschüttet, Freunde wurden aus den Trümmern gezogen. Fast alle hier und auch in Guayaquil zeigen typische Traumasymptome wie Schlafstörungen, Bauch- und Kopfschmerzen bis hin zu Dissoziationen und Flashbacks.
Viele fühlen sich ohnmächtig oder sogar schuldig angesichts der Ereignisse. In Vorträgen und Workshops zeigen ihnen die Notfallpädagogen Wege, mit dem Erlebten umzugehen und so Traumafolgestörungen zu vermeiden. Ein tieferes Verständnis für die posttraumatischen Reaktionen kann den Menschen einen neuen Zugang zu ihrem Innenleben zeigen. Psychoedukation und Methodentraining bieten ihnen zudem die Möglichkeit, sich selbst zu stabilisieren und diese Ruhe anschließend auf die Betroffenen zu übertragen.
Besonders die Feuerwehrleute zeigen sich zunächst skeptisch, sind jedoch nach kurzer Zeit begeistert dabei. In Guayaquil beispielsweise bietet sich das eindrückliche Bild von 30-40 Feuerwehrleuten, die Eurythmie machen, kneten und sich mit viel Freude ganz auf die ungewohnten Methoden einlassen.

Je weiter man nach Norden kommt, umso verheerender sind die Folgen des Erdbebens. Pedernales, wo das Team in der zweiten Woche tätig ist, gleicht einem Trümmerfeld. Da die Gebäude völlig unbewohnbar sind, wurde eine provisorische Zeltstätte als Schule errichtet. Hier nehmen die Notfallpädagogen ihre Arbeit mit insgesamt rund 500 Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 17 Jahren auf. Es zeigen sich deutliche Schock- und Traumasymptome. Kleinkinder, die nicht aufhören zu schreien und über Schmerzen klagen; Erwachsene, die entweder völlig erstarrt sind oder eine übermäßige und zwanghafte Beschäftigung zeigen.
Auch sogenannte sekundäre Traumatisierungen sind häufig zu beobachten. Wie bei Stefania, deren Mutter von Schlafstörungen und dem seltsamen Verhalten ihrer Tochter berichtet. In Gesprächen stellt sich heraus, dass das Kind sich gar nicht direkt in der Erdbebenregion befand. Nicht das Erdbeben selbst löste den traumatischen Schock aus, sondern vielmehr die panische Angst der Mutter und die anschließenden Medienberichte, die sie verfolgte.

Das Trauma äußert sich als schockartige Erstarrung. So lange sich diese Schockstarre nicht löst, kann die seelische Wunde nicht heilen. Besonders Bewegungsspiele wirken der lähmenden Bewegungsunlust entgegen. Beim Malen und Plastizieren kann bildhaft zum Ausdruck gebracht werden, was sprachlich nicht ausgedrückt werden kann. Die auf der Waldorfpädagogik beruhenden Stabilisierungsmethoden sind auch in der akuten Schockphase des Traumaprozesses effektiv und wirksam.

Um ihren Einsatz finanzieren zu können, sind die Freunde der Erziehungskunst auf die Unterstützung durch Spenderinnen und Spender angewiesen.

Spendenkonto:
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Stichwort “Notfallpädagogik Ecuador”

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Webseite: www.freunde-waldorf.de

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Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Notfallpädagogik
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Die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. fördern weltweit Initiativen eines freien Bildungswesens. Seit 1971 setzen sie sich für die Waldorfpädagogik und für Freiheit im Bildungswesen ein. Seit 1993 organisiert und betreut das Büro in Karlsruhe internationale Freiwilligendienste in aller Welt und ermöglichte bislang über 7.000 Menschen einen sozialen Dienst in über 350 Projekten in mehr als 60 Ländern. Zurzeit nehmen jährlich rund 600 junge Menschen an den Programmen teil. Seit Sommer 2011 können Interessierte über den Verein auch einen 12-monatigen Freiwilligendienst in anthroposophischen Einrichtungen in Deutschland leisten.
Seit 2006 sind die Freunde der Erziehungskunst im Bereich „Notfallpädagogik“ tätig. In Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen und Naturkatastrophen arbeiteten sie bislang mit psychotraumatisierten Kindern und Jugendlichen im Libanon (2006), China (2008 und 2013), Gaza (2009 – 2014), Indonesien (2009), Haiti (2010), Kirgisistan (2010), Japan (2011) und Kenia (2012 – 2013), Philippinen (2013-2015), Bosnien und Herzegowina (2014), Nepal (2015), Griechenland (2015), Slowenien (2015), Kurdistan-Irak (2013-2016), Deutschland (2014-2016) und Ecuador (2016).